Crew: Emil, Valentin, Jennifer, Alex
Wir sind nun seit fast drei Wochen mit unserer SY Vision in Las Palmas in der Marina. Der Start am kommenden Sonntag rückt immer näher. Wir wollten diese drei Wochen seit Ankunft nutzen, das Boot und die Mannschaft auf die lange Reise über den Atlantik optimal vorzubereiten. Die Liste an Reparaturen, Verbesserungen oder einfach Dinge, die vor der Abreise noch zu erledigen waren, war schon recht lange und täglich kamen noch Dinge dazu.
Sicherheit an Bord
Damit man versteht, um was es in diesem Kapitel geht, habe ich hier für die Interessierten die Bedingungen des Veranstalters angehängt:
Und hier die wichtigsten Dinge zusammengefasst:
Die Veranstalter der ARC+, die Regatta mit der wir über den Atlantik segeln, legen sehr viel Wert auf Sicherheit an Bord. Die Liste der unbedingt notwendigen Ausrüstungsgegenstände, aber auch der empfohlenen Dinge, ist sehr lange. Das geht weit über das hinaus, was man im Mittelmeer so auf einem Charterschiff in Kroatien oder sonst wo vorfindet. Schon seit dem Winter Refit arbeiten wir die Requirements ab. Und seit wir hier sind sprechen wir uns mit den anderen Crews ab bezüglich der Umsetzung so mancher strenger Vorschrift.
Zum Beispiel ist es notwendig eine Methode zum Steuern des Schiffes aufzuzeigen, wenn man das Ruder unterwegs verliert oder es kaputt geht. Für die nicht Segel affinen Leser mag das recht logisch erscheine, aber die Umsetzung ist doch nicht ganz so straight forward. Man muss also basteln. Und dem Prüfer auch glaubhaft versichern können, dass man in der Lage ist im Notfall so eine Bastel Arbeit an Bord auszuführen.
Auch wichtig ist es für einen entsprechenden Wasser Einbruch oder Leckage gewappnet zu sein. Neben dem Suchen des Lecks und den Arbeiten zum Eindämmen der Leckage gehört auch die Funktionsfähigkeit aller Lenzpumpen, die das einbrechende Wasser im Notfall nach aussen fördern sollen. Wir haben derer sieben Stück. Alle für einen eigenen Zweck und einer eigenen Stelle. Das hat sogar unseren Prüfer beeindruckt.
Wie man mit Feuer umgeht, was passiert wenn man keine elektronischen Karten mehr hat und noch vieles mehr. All diese Situationen werden abgefragt. Und wir müssen als Crew, die richtigen Antworten bzw. Verhaltensweisen demonstrieren bzw. glaubwürdig vermitteln können.
Im absoluten Notfall, also derjenige der uns zwingt das Schiff aufzugeben und i ndie Rettungsinsel zu transferieren, ist die richtige Verhaltensweise wichtig. Und natürlich geht man nicht von Bord ohne eine Reihe von Ausrüstungsgegenständen, die auch auf diesem Rettungsfloß wichtig sind. Diese werden bei uns auf vier verschiedene Grab Bags (also wasserdichte Taschen) verteilt, die alle an einer bezeichneten Stelle griffbereit untergebracht sind. In der ersten sind vor allem überlebenswichtige Gegenstände, in der zweiten Notsignale, in der dritten die elektronischen Helfer – wie UKW Funkgerät und Satelliten Telefon – und in der vierten vor allem noch mehr Lebensmittel Rationen. Zusätzlich haben wir zwei 20 Liter Kanister mit Trinkwasser, die wir auf die Rettungsinsel mitnehmen können. Damit sollten wir bis zu einer Rettung jedenfalls gut versorgt sein.
Nach 1,5 Stunden haben wir unseren Safety Check bestanden. Die SY Vision mit ihrer Crew ist sozusagen von der Organisation „abgenommen“ um den Atlantik zu überqueren.
Marina Life
Obwohl die Marina in Las Palmas 1200 Schiffe unterbringen kann, müssen viele der Dauerlieger ihren Platz vorübergehend den ARC Teilnehmern überlassen. Das Ankerfeld im Norden und Süden der Marina hat sich im Laufe unseres Aufenthaltes sehr gefüllt. Es ist einfach auch ein idealer Ausgangsort für Boote und Crews, die den Atlantik – auch ohne ARC oder andere begleitete Events – überqueren wollen.
Als wir uns in die WhatsApp Gruppe der Familienboot angemeldet hatten, war uns noch nicht bewusst dass das Familien mit kleineren Kindern seine würden. Nicht dass wir unsere Zwillinge nicht auch noch als unsere Kinder sehen, aber an unserem Steg waren die Kinder im Schnitt eher unter 10 Jahre alt. Insgesamt nehmen an dieser ARC+ ca. 350 Personen (Crew Mitglieder) teil, davon ca. 50 minderjährige Kinder. Ich bewundere die Eltern, die bei der Atlantik Passage nicht nur nach ihrem Boot sehen müssen, sondern auch nach ihren teilweise noch Windel tragenden Kindern, dabei Schlafzeiten, Homeschooling, Kochen auch noch irgendwie unterbringen müssen. Und das teilweise ohne zusätzliche Crew. Kaum vorstellbar. Chapeau.
Das wirklich schöne an unserem Steg war, die vielen jungen Familien zu erleben, wie sie mit einer bewundernswerten Leichtigkeit ihre Vorbereitungen für die große Reise trafen. Und das mit den vielen kleinen und großen Kindern, die den ganzen Tag den Steg bevölkerten. Zum Fische fangen – oder auch manchmal sich gegenseitig. Zum Wettrennen mit den Rollern, zum Film schauen auf einer der Riesen Katamarane. Und die Eltern, die sich daneben dann noch um Home Schooling, Kleinkind Nahrung, aufgeschürfte Schienbeine kümmern müssen. Irgendwie wäre das uns nie in den Sinn gekommen, als unsere so jung waren. So haben wir aber auch das Gefühl, dass wir hier alle eine Reise unternehmen, die auch in verschiedensten Konstellationen gemeistert werden kann.

Feiern
Neben dem zufällig in den Aufenthalt fallenden Geburtstagstermin von Emil, Valentin und mir, gab es auch sonst genug Gelegenheit etwas ausgelassen die lauen Abende auf Gran Canaria zu genießen.
Sehr hat uns gefreut, dass es doch ein paar treue Familien Mitglieder und Freunde geschafft haben hierher zu fliegen und mit uns zu feiern. Im schönen Rahmen konnten wir erst auf der Rooftop Bar des Hotel Santa Catalina genießen, bevor wir dann dort im Restaurant das Geburtstags Menu verschlangen. Zu guter letzt gab es noch einen Ausflug in einen Club in der Stadt, den wir dank Schalttag auch noch eine Stunde länger ausnutzen konnten. Ein gelungener Abend fanden wir alle. Und besonders habe ich über mein Geschenk gefreut, das auch gleich am nächsten Tag in der Vision aufgehängt wurde. Eine Schiffsuhr und ein Schiffs Barometer. Die Glockenschläge der Glasenuhr sind ein wunderbarer Klang im Rhythmus des Tages (bzw. der Wachen wenn wir dann zur See fahren).






Die ARC+ Veranstalter haben dann auch ihr Abend Programm recht klar gestaltet – jeden Abend von 1830 bis 2000 ein Crew Treffen zum gemeinsamen Sun-downer. Aber auch die Flaggenparade, die 80er Party – wir als Miami Vice verkleidet – und noch eine nette Abschiedsparty haben den Abend immer schön beginnen lassen. Die Zwillinge waren dann auch froh zumindest ein paar gleichaltrige unter den verschiedenen Crews zu finden.






Das Boot
Ihr habt ja all unsere technischen Herausforderungen schon in den Reise Blogs gelesen. Da gab es noch so einiges aufzuarbeiten in den drei Wochen. Vor allem gab es die Erfahrungen der anderen Crews anzuhören und zu überlegen, wie man noch sein Boot besser auf die Strapazen vorbereiten könnte. So wurden in diversen Seminaren zu Wetter, Sicherheit an Bord, Ausnahmesituationen an Bord, Verpflegung, Sternenbeobachtung, Rigg Pflege, Downwind Sailing, und noch viel mehr wir crews vorbereitet und noch mit guten Tipps versorgt.
Am meisten Sorgen machte mir der Generator und wie sich herausstellt, das auch zu recht. Nach einer eingehenden Untersuchung stellte sich heraus, dass offensichtlich mein Generator einen Fehler hat, der nur durch Ausbau und Zerlegung des Dynamo Teils repariert werden könnte. Alternativ würde man einen komplett neuen Generator auch noch rechtzeitig zum Start bekommen. Beide Varianten erschienen mir zur Riskant. Am Ende brauchte ich aber eine Sicherheit neben Solar und Lichtmaschine Strom erzeugen zu können. Deshalb entschied ich einen kleinen mobilen Benzin Generator zu kaufen. Damit bekommen wir unter allen Umständen auch die Batteriebank wieder geladen. Leider noch ein Gerät das auch wieder kaputt gehen kann.
Das Rigg ließen wir auch inspizieren. Nach den ersten 3000 Meilen haben sich auch die neuen Wanten etwas gedehnt, so dass es notwendig war die Spannung wieder neu einzustellen. Dabei kontrollierten wir auch alle Spanner, Püttinge und Terminals. Eine kleine Reparatur am Kicker war auch notwendig, da hatte ich beim downwind segeln am Weg hierher beobachtet dass der Mastbeschlag ausgeleiert war. Neue Falle und Blöcke wurden montiert, wo notwendig. Vor allem das gefürchtete Schamfilen oder englisch: chafing (es geht um das langsame aber nicht veränderbare Scheuern von vor allem Leinen an ihren Ösen und Rollen) sollte möglichst durch geschickte Material Kombinationen vermieden werden. Fallen wurde mit Schutzmäntel überzogen, damit diese dann tatsächlich durchscheuern können und nicht das Fall selbst. Schäkel auf Metall wurde durch Dyneema Loops ersetzt. Dyneema ist mittlerweile auf einer Yacht nicht mehr wegzudenken und ersetzt an vielen Stellen Edelstahl. Es ist eine hochfester Kunstfaser mit unglaublichen Bruchlast Eigenschaften.
Vor unser Reise wird noch das Unterwasserschiff sauber gemacht, wir wollen ja doch auch ein bisschen für Speed sorgen und der leichte Algenbewuchs am Unterwasserschiff, der sich in den drei Wochen in der Marina ergibt, wird von einem Taucher entfernt.
Wir haben nach den Erfahrungen mit unserem Parasail auch nochmals Nachhilfe zum Segeltrimm und zum Setzen und Bergen geholt. Dabei wurde auch klar, dass wir hier besonders auf das Durchscheuern von Fallen und Schoten achten müssen, denn im günstigsten Fall würde dieses Segel mehrere Tage unverändert gesetzt bleiben.
Reparaturen gab es auch so Einige. Und sehr hat mich gefreut dass Adrian nochmals sein handwerkliches Talent angeboten hat. Und nur um die wichtigsten Dinge zu nennen um die wir uns kümmern mussten:
– Unser Kühlschrank hatte begonnen zu schwitzen. Die Styropor Isolierung ausserhalb des Stahlbehälter waren lose geworden. Wir konnten das Styropor aber wieder mit PU Schaum festkleben.
– Neuer Warmwasserschlauch vom Boiler zum Warmwasserverteiler
– Wassertank gespült und gereinigt, neuer Vorfilter vor der UV Behandlungsanlage
– Die Lämpchen vom Motor Paneel waren alle ausgefallen und mussten getauscht werden
– Die Luke der Bugkabine (Aquarium II – ihr erinnert euch) musste abgedichtet werden. Es wurde nur ein Provisorium, aber es ist nun dicht.
– Diverse Scharniere wurden neu verschraubt
– Für den Fäkalientank der vorderen Kabinen haben wir einen Sensor für den Füllstand angebracht, der war bereits zweimal übergegangen
– Die Winschen wurden elektrisch anders eingebunden, damit uns nicht noch einmal die Elektrik ausfällt
– Neuer Motorraum Lüfter und Beseitigung der durch den Kabelbrand verursachten Schaden
– Tausch der kaputt gegangenen Nespresso Maschine (auch wenn wir die French Press gerne verwenden müssen wir feststellen, dass der Kaffee aus der Maschine doch auch ganz gut ist)
– Bimini neu eingerichtet
– Diverse Ersatzteile beschafft
– Neues Autoradio (im alten Stil) damit wir wieder ungehindert Musik draussen und drinnen hören können





Verpflegung
Gebunkert wurde in drei Etappen. Erst das ganz Langzeit haltbare Essen in Dosen, und Gläsern, auch die großen Mengen von Nudeln, Reis, Bulgur, Linsen, Kichererbsen, Mehl. Sowie Getränke. Dann der zweite Einkauf, mit den ganzen Milchprodukten sowie Fleisch, Wurst, Schinken. Und zuletzt dann Obst und Gemüse. Das alles zu verstauen ist gar nicht so einfach, vor allem nach unseren Erfahrungen was beim starken Rollen des Schiffes alles durch die Gegend fliegen kann. Was aber uns zu Gute kommt, ist dass wir eine Kabine nicht für Crew benötigen. Emil und Valentin haben die Seitenkabine ausgesucht, weil man tatsächlich in den Stockbetten mit Leesegel ganz gut schlafen kann. Somit ist die Bugkabine Lager geworden. Da verstauen wir auch die Segel, die momentan nicht so oft gebraucht werden und die zwei kleinen Klappräder, die wir hier von der Crew einer 56er Oyster abkaufen konnten.
Wir haben im Gegensatz zu den meisten anderen Booten keine Tiefkühltruhe, sondern nur die zwei Kühlschränke. Da bekommt man auch eine ganze Menge unter, aber man kann nichts einfrieren. Jennifer hat dennoch ein paar Abendessen vorgekocht, damit wir in den ersten Tagen auch leichter ein Essen aufgewärmt bekommen. (Die ersten Tage dürften recht viel Welle bringen, deswegen hoffen wir damit gut vorbereitet zu sein).


Sehr bewährt hat sich das Aufhängen von Obst und Gemüse in Netzen unter den Solar Paneelen am Heck. Da sind zB Äpfel, Zitrusfrüchte, Gurken, Zwiebel und Paprika und Kartoffel aufgehängt. Die schwingen ein bisschen hin und her, daher ist es auch sinnvoll sie hinter einem aufzuhängen, denn wenn man das Schwingen länger beobachtet trägt es mit zur Seekrankheit bei.


Einen guten Tipp haben wir noch kurz vor unser Abreise von einer englischen Crew bekommen. Sie haben auch die Spülmaschine während der Passage als Essensfach verwendet, die bleibt ja auch immer verschlossen, da sie unterwegs nicht einsetzbar ist.
Die Versorgung mit Wasser bzw. Flüssigkeit ist natürlich essentiell. Wir haben einen sehr großen Wassertank mit 780 l und zusätzlich eine Osmoseanlage, die aus Seewasser Trinkwasser machen kann (ca. 30 – 50 l/h). Aber man stelle sich kurz vor, dass der Tank ein Leck hat und die Osmoseanlage ausfällt (und Ausfälle sind ja durchaus immer wieder einmal vorgekommen). Also bedarf es noch zusätzlicher Trinkwasser Reserven, die uns sicher über die Passage bringen. In unserem Fall haben wir weitere 140 l Wasser in Kanistern gebunkert. Die 40 l Milch und die diversen Softdrinks sind natürlich im Notfall auch Flüssigkeit. Auf den Kap Verden ist Trinkwasser rar. Es wird dort mit Dieselanlagen aus Seewasser gewonnen, weil es zu wenig natürliche Quellen hat. In Mindelo werden dann nur weitere Kanister gebunkert und zunächst einmal der Trinkwasser Tank geschont. Es ist jedenfalls gute seemännische Praxis mit dem vorhandenen Trinkwasser sorgsam umzugehen.
Weil wir auch immer wieder gefragt werden: wir sind auf Passage ein Dry Boat. Also kein Alkohol. In einer Marina angekommen heben wir dann natürlich diese Beschränkung auf (und sind auch dafür ausgestattet).
Skippers Comment
Wir ihr unschwer erkennt, habe ich – also der Skipper – diesen Beitrag geschrieben. Ich weiß, lang nicht so amüsant und spannend, wie es Valentin vermag die Geschehnisse zu dokumentieren.
Aber der Skipper muss auch immer einen kühlen Kopf bewahren. Gelingt nicht immer. Aber meistens. Für alle, die uns folgen, an dieser Stelle daher auch ein paar beruhigende Worte:
Wir sind gut vorbereitet. Vor allem weil wir als Familie die letzten Wochen gemeinsam gut gemeistert haben und zusammen sehr stark geworden sind. Wir werden sicher einige ungeplanten Ereignisse an Bord haben, aber die werden wir auch meistern. Unsere Vision ist ebenfalls gerüstet. Sie sehnt sich bereits nach der langen Fahrt über den Atlantik und den unmittelbar bevorstehenden Abstecher auf die Kap Verden. Sie ist ein sicheres und äusserst seegängiges Boot, nicht nur stabil gebaut, sondern auch durch den Winter Refit und alle unsere Reparaturen bzw. Verbesserungen und Erneuerungen genau für dieses Unterfangen vorbereitet. Viele Crews haben unsere Vision sehr bewundert und ihr die Tauglichkeit für die schwere See beschienen. Das beruhigt natürlich. Es ist erstaunlich immer wieder zu hören, dass die kleine österreichische Werft Sunbeam international und gerade hier unter den Langfahrt Seglern so einen guten Ruf genießt.
Ich weiß noch nicht wie aktiv wir die nächsten Tage/Wochen berichten können. Das Wetter erscheint zumindest für die nächsten Wochen sehr stabil zu sein, das sind schon einmal gute Voraussetzungen. Aber seid nicht beunruhigt, wenn ihr nichts von uns hört, vermutlich stecken wir nur gerade unseren Kopf unter ein Kissen und versuchen zu schlafen. Der Trecker könnte auch einmal ausfallen, auch das soll euch nicht beunruhigen, es ist nur ein kleines elektrisches Gerät und nicht gleich die ganze Yacht. Es gibt auch noch von der ARC+ eine weitere Möglichkeit uns zu folgen, auf dem Regatta Trecker. Den kann man mit der App YB Races (die man am besten am Handy installiert) aufrufen. Dort kann man dann die Regatta auswähle, dann sieht man uns und alle anderen Boote, die sich langsam erst in Richtung Süd und dann West aufmachen.
Ahoi.
Skipper Alex

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